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Der Leuchtturm und die rauhe See des Lebens

„So, sag deiner Oma nochmal auf Wiedersehen, und dann kommst du mit mir“ sagte die unbekannte Frau am Bahnsteig, mit unbeherzter Stimme und beugte sich zu mir herunter. Es war noch dunkel und die feuchte Luft spürte ich in meinem Gesicht.

Meine Oma, eine relativ kleine Frau, ging auf die Knie um mich nochmal komplett in die Arme schließen zu können. Ihr Mantel, war leicht mit Tau benetzt. Ich drückte sie fest an mich. Sie strich durch mein Gesicht. „bald bist du wieder da. Es wird dir gefallen. Sei schön artig“. Dann riss mich die Frau am Arm, zog immer wieder. Ich umklammerte meine Oma immer fester. Die aber mittlerweile Aufstand um sich auch von mir lösen zu können. Als sie nun meine Arme abstreifte ließ ich endlich locker. An der Hand mitgenommen blickte ich immer nach hinten zu meiner Oma, die dort stehen blieb und winkte. Ich merkte es fiel ihr ebenso schwer wie mir. Kurz später standen wir an den Stufen von dem Zug. Es waren noch diese alten Züge mit Kabinen. Aber wir setzten uns zu den offenen Bereich, wo noch einige andere Kinder saßen. Wir fuhren sehr lange. Bis wir endlich in Nordeich ankamen.

Dort sah ich in meinem achtjährigen Leben das erste mal eine Fähre, wie groß die war, und auch das erste mal das Meer. Wir standen alle an Deck, es war windig und kalt aber die Luft war so herrlich klar. Ich schloss die Augen um mich auf das atmen komplett zu konzentrieren. Es war das einzig herrliche an diesem Kuraufenthalt, diese Luft.

Als ich das Seehospiz betrat roch es nach Fenchel Tee und Wachsmalkreide, ein Geruch der mich an meine Kindergartenzeit erinnerte. Wir gingen durch den Garderobenraum, wo einzelne Bilder die dazugehörigen bestimmten. Noch beim reingehen, bekam ich einen Haken mit einen kleinen Pflänzchen als Bild zugeteilt. Drinnen waren alle im Ess- und Aufenthaltsraum am basteln, malen und bauen. Die ersten eindrücke waren keine schlechten, muss ich jetzt reflektierender Weise einräumen. Wir gingen einen langen Flur entlang, das letzte Zimmer links, war für uns Neuzugang. Ich belegte das dritte Bett, ein weißes kühles Metallbett mit einer Nachtkonsole . Wir waren sieben Kinder auf dem Zimmer.

Meine Bettnachbarin, ein kleines leicht übergewichtiges Mädchen mit Sommersprossen und einen Stoppelhaarschnitt, hieß Katrin. Wir schlossen sofort Freundschaft. „magst du dir mein Buch ansehen?“ fragte sie. Pitje Puck auf hoher See, schon komisch woran man sich nach fast 32 Jahren noch alles erinnern kann.

Eine Schwester holte mich ab, und brachte mich ins Untersuchungszimmer. Nach dem wiegen, und messen, sollte ich auf einen Sessel platz nehmen. Der Arzt, ein schmächtiger alter Mann, mit kalten grauen Augen, stellte ein silbernes Tablett neben mir. Wattetupfer, und in meiner Wahrnehmung, eine gigantische Spritze lagen dort drauf. Ich schaute unentwegt diese an, als der Arzt die Aufforderung gab, ich solle meine Arm frei machen. Starr auf die Spritze blickend, schüttelte ich den Kopf. Die Tränen schossen mir in die Augen. Mein Kinn bibberte, und ich brachte ein leises kaum wahrzunehmendes „nein“ heraus. Der Arzt blickte appellieren, nickend die Schwester an. Diese versuchte meinen Arm frei zu legen. Ich arbeite dagegen indem ich den Ärmel immer wieder runter zog. „nein“ brach es aus mir heraus. Dann holte die Schwester zwei Betreuerinnen. Beide fixierten mich, eine hielt meine Beine fest, womit ich versuchte mich aus der Situation zu kämpfen, die andere drückte den Oberkörper in den Sessel. Und fixierte meinen rechten Arm. Ich bäumte mich immer wieder auf. Mit knallrotem Kopf, und leise wimmernd. Schafften sie dann doch mir Blut ab zu nehmen. Mir wurde schwarz vor den Augen. Niemand da der mir Zuspruch gab, niemand der mich tröstete. Das sollte der Anfang werden zu den vorerst schlimmsten vier Monaten meines Lebens.

„Der Mond ist aufgegangen, die goldenen Sternlein prangen. Am Himmel hell und klar“ so stimmten wir uns auf den Donnerstag Abend ein. Erst heute begreife ich warum wir Donnerstags Abends im Flur Kinderlieder singen mussten. Rechts und links vom Flur wurden Bänke aufgestellt. Alle Kinder, in ihren Schlafanzügen mussten singen. Nach und nach wurde eines der Kinder ins Arztzimmer gerufen. „na los du bist dran“ sagte die Schwester zu mir, und streckte mir ihre Hand entgegen. Sie schob mich in das Zimmer, dort stand ein Schreibtisch mit einen Sessel davor. Eine andere Schwester wartete schon auf uns. „Du darfst jetzt für 5 Minuten mit zu haus telefonieren“ ich freute mich, mehr wie auf Weihnachten, auf diesen Moment. Denn mittlerweile sind schon zwei Wochen vergangen. . Ich hörte das lange tuten der freien Leitung, sie hielt mir den Hörer hin. Ich wollte nach den Hörer greifen, sie zog ihn weg. „es gibt allerdings Regeln“ sagte sie streng „solltest du erzählen das du nach hause möchtest werden wir das Gespräch sofort beenden, genauso wenn du anfangen solltest zu weinen.“Ich nickte und schaute den Hörer voller Erwartung an. „erzähl doch einfach wie schön es hier ist, das wir schon am Strand waren, und das es dir hier sehr gut gefällt. Im Hintergrund hörte man die Kinder im Flur mittlerweile „weißt du wieviel Sternlein steh-he-hen…“ singen. Ich werde nicht weinen, ich werde jeden Moment genießen wenn ich die Stimme höre. Ich werde nicht weinen! Nahm ich mir vor. Sie wählte mit der Wählscheibe die Nummer, und übergab mir den Hörer. Es tutete und am anderen Ende nahm jemand ab. „ja Hallo?“ die Stimme einer alten Frau war zu hören. Meine Oma. Sofort verlor ich den Boden unter mir, egal wie sehr ich mich anstrengte, ich konnte die Riesenwelle der Tränen nicht zurück halten. „Oma ich bin es“ brachte ich noch raus, mit zitternder Stimme. Und dann weinte ich, ich schluchzte. Sofort wurde mir der fest umklammerte Telefonhörer entrissen. Die eine Schwester zog mich schimpfend am Oberarm auf den Flur, während die andere das Gespräch weiter führte. Ihr schimpfen prallte komplett an mir ab, und ich weinte als gäbe es keinen morgen mehr. Ich bekam zwei Wochen Telefonverbot.

„Ich möchte nach hause“ flüsterte ich mit weinerlicher Stimme, als Katrin mich nachts fragte warum ich so traurig sei. Sie setzte sich auf mein Bett, und schlug mir vor aus ihrem Buch vorzulesen. Während ich mir die Tränen aus dem Gesicht wischte las sie flüsternd die ersten Zeilen, leicht stockend, wie halt achtjährige Kinder lesen. Solche Nächte gab es öfters, mal tröstete Katrin mich mal tröstete ich sie.

Die Post und Paket Übergaben lief folgend ab. Karten und Briefe wurden nach dem Mittagessen im Aufenthaltsraum verteilt. Die Briefe wurden schon vorher geöffnet und der geschriebene Inhalt kontrolliert. Ich möchte nicht wissen, wie viele Briefe mir vorenthalten wurden. Pakete gab es im Nebenraum. Nach und nach wurden die Kinder die solche erhalten haben in diesen Raum gerufen. Auch ich bekam jede zweite Woche ein Paket, bestückt mit Yps- und Bussibär heften und einiges an Süßigkeiten. „oh das ist ja eine Menge Süßes“ sagte die Betreuerin zu mir als wir vor dem geöffnetem Paket standen. „hier läuft das so, das Süßigkeiten abgegeben werden müssen und mit allen Kindern geteilt werden. Nach der Spielstunde darf sich jedes Kind davon nehmen.“. Ich schaute sie großen Augen an „aber das sind meine Süßigkeiten. Die haben meine Oma und meine Mama doch für mich gekauft“. Die Betreuerin schloss den Deckel vom Paket. Holte tief Luft und entgegnete mir mit belehrender Stimme „wie du willst, dann müssen wir die einbehalten. Und niemand bekommt was davon, auch du nicht.“ Ich stimmte also dem verteilen zu.

Nur mit Hemd und Schlüpfen bekleidet scheuchte uns die Schwester in die Kälte. Wir sollten jeden morgen zehn Runden um den vorm Haus befundenen Spielplatz und Minigolf Anlage laufen. Das solle zur Abhärtung des Immunsystem dienen. Wie ich diese Tortur gehasst hab. Eines Tages stürzte Natalie, ein Mädchen mit braunen langen Haaren, welche mit uns auf einem Zimmer lag. Sie stürzte so schlimm auf die Metallschienen-Abgrenzung der Minigolf Anlage, dass sie sofort ins Krankenhaus musste. Auf Tage langen nachfragen, wann Natalie wieder kommt. Vertraute uns die Nachtschwester an das Natalie nach Hause durfte. Und sie nicht mehr wieder zurück kommt.

Katrin und ich heckten abends heimlich Pläne aus - wie wir, mittlerweile drei Monate dort, endlich nach Haus kommen könnten. Eigentlich wollten wir nachts uns aus dem Fenster stehlen, dann Richtung Hafen laufen und mit der Fähre als blinder Passagier ans Festland kommen. „ich werde mir einfach eine Augenbinde um den Kopf binden.“ Schlug ich vor. Katrin sah mich verdutzt an und flüsterte: „warum denn das!?“ ich erwiderte, „damit die nicht merken das ich gar nicht blind bin“.Katrin musste lachen, und klärte mich auf das es nur so genannt wird wenn jemand ohne Ticket mit fährt und das es nichts mit blind sein zu tun hat. „ok ich kann mir ja trotzdem ein Tuch mit nehmen, sicher ist sicher“.

Toilettengänge war für mich ein graus. Alle Kinder mussten sich nachmittags in einer Reihe aufstellen, und nach Zeitplan ihr Geschäft verrichten. Dabei musste die Tür geöffnet bleiben. Mit großen Augen blickte ich die Betreuung an, während ich mich aufs Klo hockte. Diese saß auf einen Stuhl vor mir, mit Stift und Zettel. Um das erledigte Geschäft im Anschluss zu begutachten und aufzuschreiben. Noch heute hab ich Probleme fremde Klo’s zu benutzen.

Badetage liefen ähnlich ab, splitternackt standen wir in einer Schlange vor der einzigen Badewanne in diesem Haus, zwei Schwestern standen davor. Eine hob uns nacheinander rein, dann wurde fünf Minuten im stehen geschrubbt mit Bürste und Seife. Das ganze war reine Massenabfertigung.

Ich startete einen erneuten Versuch, meiner Familie mitzuteilen, wie sehr ich nach hause möchte. Wie schrecklich dort alles war. Niemand der uns tröstete, niemand zu den man einen Bezug aufbauen konnte. Ich schrieb eine Brief. Mit all den Worten des Heimwehs, mit all den Missständen die dort herrschten, bat sie mich sofort dort abzuholen. Ich klebte diesen Brief zu und gab ihn der Schwester zum absenden. - - -

„Kommst du mal bitte mit?“ kam ein paar Stunden später, eine andere Schwester zu mir. „Wir müssen mal mit dir reden“. Ich folgte ihr, und sie bat mich in eine Raum wo schon eine weitere Schwester an einem Tisch saß. „setz dich!“ forderte sie mich kühl auf. Ich blickte auf den Tisch, auf welchem mein geöffneter Brief lag. „So jetzt nimm bitte diesen Brief und les ihn uns mal vor“. Ich schämte mich für die Zeilen, die meinen Hilferuf nach Haus beschrieben. Ich schaute auf den vor mir liegenden Brief mit gesenkten Kopf und blieb still.

„Du sollst das lesen!“ ermahnte mich die Schwester noch einmal. Ich fing stotternd an, die ersten Zeilen meines Briefes zu lesen. Bis zur Hälfte kam ich gar nicht, da nahm die eine Schwester mir den Brief weg. „Kannst du mir mal sagen, was das soll?“ fragte sie mit strenger Stimme.

„… ich… ich…“. Stotterte ich; noch immer den Blick nach unten geneigt. Dann schossen mir die Tränen in die Augen. „Ich möchte nach Hause zu meiner Oma oder meiner Mama!“ fügte ich weinend hinzu. „Was meinst du was deine Oma oder deine Mama sich für sorgen machen, wenn sie diesen Brief lesen würden? Möchtest du das etwa?“ schaute sie mich streng an. Ich sagte nichts.

„Möchtest du du das etwa?!!“ fragte sie erneut lauter. Ich schüttelte den Kopf, mit meinen zusammen gepressten Lippen und den Tränen in den Augen. „So, meine Liebe, weißt du was wir jetzt machen werden? Du wirst diesen Brief nochmal neu schreiben; vor uns“. Ich erinnere mich noch sehr gut daran, dass ich „Liebe liebe liebe liebe liebe Oma und liebe liebe liebe liebe Mama“ als Anrede geschrieben hab. In der Hoffnung, daß beide eine versteckte Botschaft in den vielen „liebe“erkennen würden. Der Rest vom Brief wurde mir diktiert. Und ich durfte wieder gehen.

Irgendwann, es war bereits der vierte Monat auf Norderney, waren wir gerade mit unserer Gruppe an einem Teich spazieren, und ich brachte Katrin die zweite Strophe von dem Lied „guten abend, gute Nacht“ bei- sie fand das Lied so schön. Mir gefiel in der zweiten Strophe besonders das Wort „Traumparadies“.

Da kam auf einmal meine Betreuung zu mir, eine der wenigen wo ich ganz gut mit aus kam. Sie sagte leise grinsend zu mir „ich weiß was, ich weiß was“. Bei der Frage was sie denn wissen würde, sagte sie: „du musst mir versprechen, das du mit niemanden darüber sprichst.“, ich nickte voller Spannung. Sie kam nah an mein Ohr und flüsterte : „morgen darfst du nach hause. Deine Familie wird dich von hier abholen“.Die Worte waren wie ein Wunder für mich. Ich platzte voller Freude. Ich dachte nur, endlich ist es vorbei! Endlich!

Natürlich hielt ich dieses versprechen nicht lange aus für mich zu behalten. Schon ein wenig später lief ich protzend durch den Flur und fragte unnötige Dinge wie: „möchtest du meine Hefte haben? Ich brauche die nicht mehr, bin ja morgen schon zu hause.“ Oder Sachen wie : „möchtest du in meinen Bett schlafen, da hat man eine bessere Sicht aus dem Fenster, denn ich schlafe morgen ja in meinem Bett zu Hause!“

Ich war der reinste Zappelphillip, bis ich abgeholt wurde. Und ich vor Glück die ganzen Lieder im Auto auf dem Rückweg sang, welche ich während meines Aufenthaltes gelernt hatte. Dieses Auto, vorne saß mein lachender Opa mit meiner Oma und neben mir meine schmunzelnde Mutter. Dieses Auto war so mit Freude und purem Glück gefüllt, das alle die an uns vorbeigefahren sind, es spüren hätten müssen.

Auch wenn ich nicht mehr allzu lange was von diesem Glück hatte, bleibt dieser Moment mir ewig erhalten.

5.2.16 15:01

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