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Lebenslicht entdeckt den Schatten

Ich werde nie vergessen wie gut warmer Kakao schmeckt. Ich sitze am Tisch in der Küche, meine Beine am pendeln, die Hausschuh sind innen gefüttert mit weichem Fell. Trage ein Frottee Schlafanzug, und beiße in ein extra für mich mundgerecht geschnittenes Quark-marmeladen Brot. Vor mir stand eine 57 jährige Frau, im blauen Kittel. Meine Oma. Erst beim schreiben dieser Zeilen bemerke ich wie wunderbar heile diese Zeit war

.„Oma? Wird das immer so bleiben?“ fragte ich mit vollem Mund. Meine Oma lächelte: „Steffi, du weißt doch…“ und dann begann sie leise zu singen „wir gehören zusammen wie der Wind und das Meer, mich von dir zu trennen, ja, das fällt mir so schwer..“. Erst heute weiß ich, dass dieses Lied von Heidi Brühl war. Damals, war es Omas Lied.

Wir gingen ins Bad, wo sie schon alles zurecht gelegt hatte. Die Sachen gebügelt, und ordentlich auf der Ablage neben dem Waschbecken. Selbst das Waschbecken war mit lauwarmen Wasser gefüllt, sie wusch mir das Gesicht. Ich verkrampft, und zog Grimassen beim Augen zugreifen. Noch schnell Zähne geputzt, angezogen. Schultasche auf dem Rücken geschnallt und schon stand ich vor der Tür. Gemeinsam beteten wir für den Schulweg bevor ich das Haus verlassen hab. Jeder Tag lief gleich ab.

Heute weiß ich, dass diese Grundlage mir so viel Kraft gegeben hat, von der ich auch heute noch zerren darf. Rituale sind so verdammt wichtig für Kinder.

Meine Mutter war zu der Zeit schon mit meinem Stiefvater zusammen, beide hatten eine kleine Wohnung zwei Straßen weiter. Ich wuchs die ersten 8 Jahre meines Lebens bei meinen Großeltern auf. Es war eine herrliche Zeit.

Eine Zeit wo es gang und gebe war, vom spielen in der Siedlung, nach Hause gerufen zu werden. Meine Oma oder auch mein Opa stellten sich in den Garten und riefen meine Namen laut mit dem Zusatz das es Abendbrot gibt. Die 80er, aus allen Richtungen wurden die Kinder, so nach Hause gerufen.

Wochenende gab es noch das Kinder Programm mit Rappelkiste, Pusteblume und neues aus Uhlenbusch. Ja, herrliche heile Welt der 80er.

Ich litt unter Atemnot seit ich 6 Jahre alt war, aufgrund dessen entschied mein Hausarzt damals das ich irgendwann eine Kur machen sollte. Ich besuchte bereits die zweite Klasse als ich einen Termin für eine Kur auf Norderney bekam.

Meine Mutter war gerade hochschwanger von meinem Stiefvater, als ich weg kam.

Ich erinnere mich noch genau an diesen Tag. Irgendwas war mit ihrer Schwangerschaft nicht in Ordnung, sie hatte starke Schmerzen. Und tauchte den morgen meiner Abreise bei meinen Großeltern auf, war am weinen wegen den Schmerzen. Meine Oma brachte mich mit einem Bekannten zu einen Bahnhof der weiter weg war. Mein Opa blieb bei meiner Mutter.

Am Bahnhof wurde ich von einer Zugbegleiterin in Empfang genommen. Ich wollte mich gar nicht lösen, aus den Armen meiner Oma. Noch heute hab ich ihren Duft nach köllnisch Wasser in der Nase. Es war ein schwieriger Abschied, ich saß nun in dem Zug mit noch einigen anderen Kindern. Die Begleiterin schien sehr distanziert, niemand den ich kannte. Ich hatte Angst, wusste nicht was auf mich zu kam.

Dieser Kuraufenthalt ist eine Geschichte für sich.

Ich war vier Monate auf Norderney.

Vier Monate ohne eine Bezugsperson, wusste nicht wann ich nach hause durfte. Einmal im Monat bekam ich für eine Stunde Besuch. Die für mich einfach zu schnell vorbei hing.

Als ich wieder zurück war, begann die heile Welt langsam zerstört zu werden.

Meine Mutter verlor ihr ungeborenes Kind, ich glaube es wäre ein Stiefbruder geworden. Über diesen Verlust entschied sie mich von heute auf morgen, mich zu sich zu nehmen.

Es gab einen riesen Streit, meine Oma die mich umklammerte, mein Opa der laut mit meiner Mutter sprach. Meine Mutter die mich am Arm zerrte und dieses um sich strampelnde Mädchen zu ihren Mann auf den Arm übergab. „Hör endlich auf zu jaulen!!!!!“ schrie dieser mich an mit seiner gewaltigen Stimme „Sonst siehst du deine Oma nie wieder!“. Ich wimmerte vor mich hin. Heulte mich Wochenlang in den Schlaf, in meinem neuen Zimmer. Stand allein auf, um mich schulfertig zu machen. Schmierte mir mein Brot. Zog irgendwelche Sachen an, die gerade rum lagen. Und machte mich auf den Weg.

Ich bekam zwei Jahre Großeltern Verbot. Meine Oma, besuchte mich heimlich in der Schule. Meist weinte sie, ich wollte nicht das sie weinte. Und spielte das tapfere Mädchen, indem ihr beteuerte wie gut es mir ging.

Dem war nicht so, tagtäglich schrie er mich an, stellte Regeln auf die keinen Sinn ergaben. Schlug mich. Und am Esstisch bekam ich jedes Mal seinen Hass zu spüren. Wie ein wahnsinniger stierte er mich beim essen an, vor Wut unterlaufende Augen beobachteten mich, während ich langsam demütig mit gesenkten Kopf das Essen zu mir nahm. Er mampfte und schnaufte beim essen, ohne auch nur einmal mich aus den Augen zu verlieren. Ließ ich etwas zurück auf den Teller fallen, oder hab ich etwas zu lange gekaut bekam ich mit voller Wucht eine eine Ohrfeige. Fing ich an zu weinen, weil es schmerzte bekam ich noch eine. So war es tagtäglich.

„Sag mal, macht der Onkel Herbert Dinge mit dir, die du nicht möchtest?“ fragte mich eines Tages mein Patenonkel. Ich schüttelte den Kopf, in mir schrie eine Stimme FRAG DOCH BITTE WEITER, ER IST ES NICHT SONDERN… aber ich senkte den Kopf und murmelte: „nein, er ist ganz nett zu mir“. „Steffi, ich habe dich anders in Erinnerung. Du warst ein so fröhliches Mädchen, so offen für die Welt. Und in der letzten Zeit bist du so still und scheu. Da mache ich mir Gedanken.“ Innerlich schrie ich weiter LOS FRAG DOCH ENDLICH NACH DEN RICHTIGEN. Aber er fragte nicht weiter.

Ich werde nie den Tag vergessen, ich muss 12 gewesen sein. Ich stand im Badezimmer um duschen zu gehen. Zog mich also aus, betrachtete mich nochmal im Spiegel um die ersten Anzeichen der Pubertät zu begutachten. Stieg in die Dusche und ließ das Wasser an. Eigentlich war alles wie immer, bis sich auf einmal die Tür öffnete. Mein Stiefvater. „Eigentlich wollte ich jetzt duschen!“ sagte er mit bestimmenden Ton. Ich versuchte mich, mit Herzklopfen aus Angst, sofort zu rechtfertigen. „okay, ich beeile mich dann“ - - - – es fällt mir gerade wirklich schwer zu schreiben - - - - Mit versöhnter Stimme schnaufte er „ach du brauchst dich nicht zu beeilen, ich komme jetzt mit drunter“ er war schon dabei sich auszuziehen. Ich war erstarrt, brachte kein Wort heraus. Als er mit unter sie Dusche kam, meinte er verärgert: „ich glaube du hast dich nicht richtig gewaschen, dann muss ich das wohl jetzt machen!“ er nahm das Duschgel und reibte mich damit ein, knetete es förmlich ein, überall an meinen Körper. Bis er letztendlich nur noch meinen Genitalbereich anfasste, und berührte. An all das kann ich mich noch erinnern, wie ich das lauwarme Wasser im Nacken hatte die Augen Schloss, und Ekel und Angst empfunden hab. Nur ich weiß nicht mehr, ob er als erster die Dusche verließ oder ich.

Danach wurde es Alltag, das mein Stiefvater, wenn meine Mutter nicht da war, mich anfasst und mir seine Zunge in meinem Hals stopfte. Ich bekam nur noch Hass und Ekel, und hatte unwahrscheinliche Angst vor ihm. Nachts schlich er sich zu mir ins Zimmer, und beobachtete mich oder legte sich direkt zu mir ins Bett.

„Wenn du das Mama erzählst passiert was ganz schlimmes, und du möchtest doch nicht das was schlimmes passiert?“ ich schüttelte den Kopf „gutes Mädchen.“

Ich hab mir an der Innenseite meiner Tür ein leeres DIN A2 Blatt geklebt, nur ich wusste die Bedeutung. Mit dem Versprechen, bei jedem Vorfall mit ihm einen Strich dran zu malen. „wenn dieser Zettel voll ist, beende ich mein Leben.“ Nahm ich mir vor. Irgendwann war dieser Zettel voll, und ich klebte eine zweiten darunter, und tat nichts.

Dann kam der Tag in dem ich mir meine Würde wieder erkämpfte. Wer kennt sie nicht, die Zeitung die uns alle in der Jugend begleitet hat. Ja wohl, die Bravo! Dieser Zeitschrift verdanke ich das ich aus dem ganzen Martyrium entfliehen konnte.

Unter der Rubrik „Liebe Sex und Zärtlichkeit“ tauchte ein Bericht von einem Mädchen auf das in einer ganz ähnlichen Situation wie ich steckte. Es bekam den Rat sich laut zu wehren und ihren Peiniger anzuschreien um sich so aus der Situation zu retten. Zudem sich trotz allen Drohungen jemanden anzuvertrauen.

Mein Vater lag im Wohnzimmer, meine Mutter war mal wieder nicht da. Er schrie nach mir, wollte irgendwas banales um einen Vorwand zu haben, das ich komme. Als er nun da lag, und mit den Worten „komm mal zu mir“ versuchte mich wieder anzufassen gehorchte ich. Wie immer emotionslos stand ich still vor ihm, „leg dich zu mir!“ ich blieb stehen. Mit pochenden Herzen, widersetzte ich mich seiner Aufforderung. Er schaute mich an ernst an „hast du deinen Papa denn nicht lieb?“.

Jetzt war ich da, ich stand vor ihm und fasste all meinen Mut zusammen. Jetzt, jetzt musst du ausbrechen, schrie die Stimme in mir, lauter als je zuvor.

Ich stand vor ihm schlug seine entgegen gestreckte Hand weg und schrie: „Du bist nicht mein Vater! Und du wirst mich nie wieder anfassen!!!!! Das machen Väter nicht!!!“. Ich drehte mich um und suchte den Weg aus dem Wohnzimmer, mein Puls schlug mir bis in den Hals. Wird er mich bremsen? Wird er mich schlagen? Wird er mich zwingen? Ohne mich nochmal umzusehen, schrie ich weiter: „so etwas ist verboten!!!! Nie wieder wirst du das tun!!! Hörst du! Nie wieder!!!“ Ich erreichte die Tür, sah ihn nochmal flüchtig an in seine erschrockenen Augen, und sein vor Sprachlosigkeit geöffneten Mund. Und ging in mein Zimmer.

Als meine Mutter nach hause kam, erzählte ich ihr alles. Ich weinte und versuchte durch das wirr warr was nun an Worten aus mir heraus brach einen Leitfaden zu geben. Ich schlief erstmal bei einer Freundin, sie wollte allein mit ihm sprechen.

Nun fragt sich jeder, was machte die Mutter? Als ich zwei Wochen später wieder zu haus war, war er noch da. Es wurde tot geschwiegen. Ich sprach sie nochmal an. Sie meinte er hat gesagt das, dass alles nicht stimmen würde. Ich glaube in dem Moment zerbrach unsere Bindung.

Ich wusste nur eines, das ich es besser machen werde. Wenn ich Mutter sein werde wird sich nichts zwischen mir und meinem Kind stellen können. Mittlerweile ist er verstorben, lebte bis zum Schluss mit meiner Mutter zusammen.

Erst heute können wir an unserer Beziehung arbeiten. Sie hat einiges eingesehen und ihr Verhalten sehr bereut.

Und ich lernte ihre Fehler aus der Vergangenheit, für eine neue Zukunft, zu verzeihen.

4.2.16 23:05

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