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Hallo, mein Leben hat mich bislang bombardiert mit Ereignissen. Ich habe schon recht früh erkannt das man auch zerstörte Träume, oder auch schlechte Lebensphasen mit einem bunten Rahmen ins Licht stellen darf.

Alter: 41
 


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Selbstzweifel des Gänseblümchens auf der Lichtung

„Bis später“, meine Tochter stieg aus dem Auto. Ihre Laune war auf dem Tiefpunkt. Ihr Praktikum, welches sie als Sozialarbeiter in einem Internat absolviert, erdrückt sie an Stunden. Morgens verlässt sie das Haus und abends, manchmal auch spät in der Nacht, hole ich sie ab. Ihr Engagement beim Studium beeindrucken mich sehr. Die Begeisterung zum lernen war nicht immer so.

Vor vier Monaten, verabschiedeten wir uns noch kurz als sie das erste mal die Treppen der Hochschule betrat. Ich schaute ihr noch nach, kurz darauf brachte ich diese Zeilen zu Papier:

„Dieser Moment wenn man seine Tochter zur Fachhochschule bringt, sie mit einem angespannten Gesichtsausdruck "bis später" stammelt.

Du ihr noch einen Moment hinterher siehst und merkst das eine junge Frau die Treppen hochgeht, voller Zuversicht in eine eigene Zukunft.

Innerhalb von Sekunden die du ihr noch hinterher siehst, wird dir klar.

Das sie keine Zöpfe mehr hat,

ihr Gang nicht mehr hopsend ist,

sie kein Teletubbies T-shirt trägt,

keinen Turnbeutel auf dem Boden hinterher zieht

und sie sich nicht noch vier Mal grinsend umdrehen wird um zu winken.

In diesem Moment verabschiedest du dich von dem kleinen Mädchen.

-------------- --------------- ----------- ------------- ---------

Und siehst voller Stolz die Frau, die du selbst immer sein wolltest.“

Wir hatten es nie einfach, wir bezahlten unser jetziges Leben mit Verzicht, verlorene gemeinsame Zeit und harter Arbeit. Allerdings hat genau diese harte Zeit uns zusammen geschweißt. Schon länger führen wir eine so innige Mutter-Tochter-Beziehung, da werden sogar die Gilmore Girls blass.

Meine Tochter war nie ein Einser Schüler. Das war unter anderem ein Preis den wir zahlten, da ich einfach zwischen meinen zwei Vollzeit Jobs zu wenig Zeit hatte um mich dort mehr einzubringen. In der Woche arbeitete ich, in der Firma wo ich heute noch beschäftigt bin, im Versand. Und am Wochenende kellnerte ich in einer Gaststätte zusätzlich noch 24h. Den Sonntag, wenn ich morgens aus erst vom Kellnern kam, schlief ich fast durch. Da ich Montags schon recht früh wieder arbeiten musste.

Ich bekam einfach zu wenig mit von ihrem Leben. Das Gymnasium verließ sie nach der sechsten Klasse, und wechselte auf die Realschule. Erst viel später Begriff ich ihren Hilferuf, zwei Jahre Ausgrenzung und Mobbing machten ihr junges Leben als Gymnasiasten zu schaffen. Immer wieder in ihrer Pubertät spürte ich deutlich die Auswirkungen, die dieses Martyrium hinter sich zog. Ständig fühlte sie sich ausgeschlossen, gab sich und ihren Leben einen unteren Stellenwert. Fühlte sich den sozialen Leben nicht gewachsen.

Mittlerweile darf ich mit Stolz berichten, das sie diese negative Erfahrung, mit unzähligen positiven überdecken kann.

Der Wendepunkt kam es auf einer Klassenfahrt der Realschule. Eine Woche München, welcher sie sich schon mit Grauen entgegen sträubte. Immer wieder bekundete sie dass sie nicht mit dahin wollte. Die Mädchen in ihrer Klasse, entwickelten sich anders als sie. Heute weiß sie das es absolut unwichtig ist, welche Musik man hört, ob man keinen Handtaschen und Schuh Tick entwickelt, das es nicht wichtig ist wenn man sich nicht in der achten Klasse auf Highheels bewegte, oder nur mit teuren Markenparfüm akzeptiert wird. Zudem Zeitraum wollte sie allerdings Gleich sein, gleich wie die anderen Mädchen. Dabei, war sie immer schon so wie sie ist, einfach Perfekt.

„Es ist schlimmer wie erwartet“, sagte sie niedergeschlagen am Telefon, am zweiten Tag des Aufenthaltes in München „die anderen schließen mich aus, nur weil ich anders bin“.

„Alle?“ fragte ich besorgt. „Ja alle! Und ich kann auch sowieso nicht bei den Themen mitreden, welche die haben. Handtaschen sind einfach nicht meines. Ach Mutti, ich will einfach nur nach Hause. Ich wünschte ich wäre auch nur ein bisschen so wie die anderen, dann wäre alles einfacher.“. Jeder der Kinder hat weiß wie schwer es einen in dem Moment fällt, nicht in Arm nehmen zu können, sondern nur mit Worte trösten zu müssen.

„Nein!“ sagte ich bestimmend, „du bleibst mal schön so wie du bist, mit wem kommst du einigermaßen dort klar?“. Am Ende des Hörers wurde es stiller, sie überlegte. Dann kam „eigentlich nur mit den Jungs, die Mädchen meiden mich. Egal was ich mache, alles ist falsch.“. Triumphierend entgegnete ich ihr: „Da haben wir es doch. Dann schließe dich einfach den Jungs an, das ist doch sowieso viel cooler, als über Handtaschen zu diskutieren.“ Erst unsicher, ob das eine Gute Idee sei, willigte sie anschließend ein „ok, ich versuche es, danke das du für mich immer da bist. Ich liebe dich Mama. Bis bald.“. Damit endete unser Telefonat.

Und heute müssen wir beide einräumen, es war die beste Idee die wir hatten.

Am nächsten Tag kam kein Anruf von ihr. Als am übernächsten Tag auch keiner kam, rief ich abends in der Herberge an, um sie zu erreichen. Als ich sie an der Strippe hatte, hörte ich die Euphorie im ihrer Stimme. Auf einmal war alles so perfekt. Sie ratterte schnell noch die besten Ereignisse runter um mich dann am Telefon abzuwürgen. Sie legte auf, erstaunt sah ich den Hörer an, ich war sprachlos. Ja mir stockte quasi der Atem. Den ich mit lachenden Geräusch heraus pustet. „Was war DAS denn?“ stellte ich mir verblüfft die Frage.

Noch heute (sie ist mittlerweile 20 Jahre alt) , wo alle mittlerweile sich in der einen oder andere Partnerschaft befunden hatten, hat sie regelmäßig Kontakt zu ihren Jungs. Es wurde eine Freundschaft fürs Leben. Sie und die 5 Jungs.

Ich rate allen Eltern unter euch, beschwichtigt keine Selbstzweifel eurer Kinder, sondern bietet ihnen neue Richtungen mit Entwicklungsmöglichkeiten.

Das Ende eines Weges, bedeutet immer, dass ein viel passenderer und besserer Weg auf jeden wartet.

2 Kommentare 7.2.16 10:32, kommentieren

"Der Weg ins Licht," oder "Wie mein kleiner Engel mir erschien"

„Mama, ich bin auch noch da!“ mein kleines Mädchen Griff nach meiner Hand. Wir standen im Regen, ohne Schirm. Wie erstarrt schaute ich auf sein Grab. Wie jeden Tag seit er nun hier lag, verbrachte ich Stunden, in Gesprächen mit ihm. Setzte mich meist im Schneidersitz auf die Platten welche die Gräber abteilten. Schon längst lebte ich in einer dunklen Welt, in der es nur mich gab. Allein. In einem tiefen Loch, das nach feuchter Erde roch. Und ich nicht entfliehen konnte.

Ich hörte diese Stimme meiner Tochter, unserer Tochter, ein achtjähriges Mädchen mit langen blonden Haaren und dunklen Augen, diese Stimme war einfach zu weit weg. Ich vernahm ihre Worte wie ein Echo. Was sagte sie gerade? Ich versuchte genauer hin zu hören. „Mama ich bin auch noch da!“. Wie ein Schlag, katapultiert mich dieser Satz aus der Dunkelheit, als sei ich die ganze Zeit nicht da gewesen. Ich fühlte ihre kleine Hand in meiner, wie sie mich drückte.

Ich wendete den Blick, von dem mit schon verwelkten Kränzen, auf sie. Wo war ich? Dieses Kind braucht mich, dieses Kind trauert genauso. Und trotzdem war sie stärker wie ich. Dieses kleine Wesen braucht Schutz.

An diesem Tag, wachte ich auf aus dieser bleiernden Traurigkeit. Und ja, sie hat mir das Leben gerettet. Ich fing an, abzuschließen mit ihm, dachte ich. Heute, 12 Jahre später, hab ich erkannt das man dieses Wort abschließen nicht benutzen sollte. Denn alles was man weg schließt, ist dennoch noch da. Ich hab ihn sieben Jahre gedanklich weg geschlossen. Schon längst gelernt meine Erlebnisse wie ein gesehenen Film zu erzählen. Wenn mal wieder ein neuer Mensch zu meinen Freundeskreis dazu kam. Eine emotionslose Erwähnung von Fakten. Nur manchmal, bei Rückfragen verfiel ich in Details, die mir meine Kraft raubten.

„Wie sag ich nur, dass ihr Papa tot ist?“ schluchzte ich. Ich saß mit Pyjama auf meinem Sofa. Um mich waren all meine Freunde. Meine Tochter schlief noch. Die Kriminalpolizei war schon weg, und noch so nett gewesen, eine Freundin zu informieren. Sie kamen zu dritt, und versuchten einfach nur da zu sein. Ich war so leer, so haltlos, wie ein Traum der nicht endlich zu ende ging. Immer wieder schrie ich ins Kissen. Immer wieder, sagte ich das ist nicht wahr, das kann nicht wahr sein.

Die Polizei hatte mir gesagt, das er sich das Leben genommen hatte, das jemand der vorbei kam ihn gefunden hat kurz danach. Ich glaubte noch es sei eine Verwechslung. Vor mir auf den Tisch legte man sein Handy und seine Geldbörse, welche ich ihn zu seinem letzten Geburtstag geschenkt hatte.

Woher kommen die an die Sachen? An seine Sachen? Das kann nicht sein, ich hab mit ihm noch heute Nachmittag gesprochen. Mein Kopf schaltete um auf Realitätsmodus.

„Oh nein!“ kam heraus, ich Griff nach dem Kissen um dort hinein zu schreien. Auf einmal rief mich meine Tochter. Ich ließ die Polizei im Wohnzimmer sitzen und wischte mir schnell die Tränen weg um zu ihr zu gehen. Mit verschlafener Stimme fragte sie: „Mama, was ist los, wer ist da im Wohnzimmer?“. Ich log sie an, während ich sie in ihre Decke ein mummelte. „Ach Mama ging es gerade nicht so gut, das ist der Arzt der mir gerade Medikamente gebracht hat. Jetzt geht es mir schon besser.“ Ich drückte ihr einen Kuss auf die Stirn und ging zurück ins Wohnzimmer. Als es morgens wurde und meine Freunde langsam aufbrechen mussten,Nach und nach verließ einer nach den anderen meine Wohnung, wurde meine Tochter wach.

Sie kam vorsichtig ins Wohnzimmer. Die ganze Nacht wusste ich nicht wie ich es ihr sagen sollte, wie oft brach der Satz aus mir „oh Gott, hilf mir bitte!“. Gott schwieg. Aber genau das wusste ich zu verstehen.

„Mama? Irgendwas stimmt nicht hier“ sagte meine Tochter, sie stand noch in der Tür. „ist was passiert?“ fragte sie weiter. „komm mal zu mir auf den Schoß“ sagte ich leise, während ich auf meine Knie tippte. Ich umschloss sie, mit beiden Armen. „Mama, ist was passiert?“ fragte sie erneut ängstlich. Und wenn ich Gott vielleicht nie gedankt hab, dann tue ich es jetzt. Denn er war da für mich und mein Kind.

„Lass mich eine Geschichte erzählen“ sagte ich zu ihr, „du weißt doch Papa hatte immer Schmerzen“. Die letzten zwei Jahre seiner Medikamenten Abhängigkeit, hab ich ihr damit zu der Zeit immer so erklären können. Meine Tochter nickte, „ist was mit Papa?“ fragte sie beunruhigt. „schhhhhhh“ sagte ich „nun Papa hatte ja immer Schmerzen, und nun stell dir mal vor, er hat den lieben Gott getroffen“. Ihre Augen wurden groß „wo hat er den lieben Gott getroffen? Auf der Straße?“ fragte sie. Ich erzählte weiter, „Nein, er war einfach da, und dann hat er Papa eine Frage gestellt. Er fragte: Was würdest du machen wenn ich dir all die Schmerzen nehmen kann, wenn du mit mir gehst?“. Meine Tochter erschreckte „Oh nein, was hat Papa da gemacht, ist er mit gegangen?“. Ich strich ihr über ihren Kopf „Nein, das konnte Papa nicht, er hat zu dem lieben Gott gesagt, das er dich doch hier hat. Und das er auf dich aufpassen muss.“. Sie atmete leicht auf. Ich fuhr fort:, „aber dann hat der Liebe Gott, Papa nochmal gefragt: Wenn ich dir verspreche, das du immer bei deiner Tochter sein wirst und ich dir zusätzlich noch deine Schmerzen nehme, kommst du dann mit mir?“

Stille. Meine Tochter blickte mich an, in ihren Augen stiegen die Tränen. Mit weinerlicher Stimme und die Antwort erahnend, fragte sie: „was hat Papa dann gesagt?“

Ich fing an zu weinen. So wie jetzt gerade auch beim schreiben dieser Zeilen. Ich sagte nur noch:, „was sollte Papa darauf sagen? Jetzt hat er keine schmerzen mehr.“

Ich danke Gott, das er mir an den schlimmsten Tag meines Lebens bei gestanden hat.

3 Kommentare 6.12.15 10:23, kommentieren

Der Leuchtturm und die rauhe See des Lebens

„So, sag deiner Oma nochmal auf Wiedersehen, und dann kommst du mit mir“ sagte die unbekannte Frau am Bahnsteig, mit unbeherzter Stimme und beugte sich zu mir herunter. Es war noch dunkel und die feuchte Luft spürte ich in meinem Gesicht.

Meine Oma, eine relativ kleine Frau, ging auf die Knie um mich nochmal komplett in die Arme schließen zu können. Ihr Mantel, war leicht mit Tau benetzt. Ich drückte sie fest an mich. Sie strich durch mein Gesicht. „bald bist du wieder da. Es wird dir gefallen. Sei schön artig“. Dann riss mich die Frau am Arm, zog immer wieder. Ich umklammerte meine Oma immer fester. Die aber mittlerweile Aufstand um sich auch von mir lösen zu können. Als sie nun meine Arme abstreifte ließ ich endlich locker. An der Hand mitgenommen blickte ich immer nach hinten zu meiner Oma, die dort stehen blieb und winkte. Ich merkte es fiel ihr ebenso schwer wie mir. Kurz später standen wir an den Stufen von dem Zug. Es waren noch diese alten Züge mit Kabinen. Aber wir setzten uns zu den offenen Bereich, wo noch einige andere Kinder saßen. Wir fuhren sehr lange. Bis wir endlich in Nordeich ankamen.

Dort sah ich in meinem achtjährigen Leben das erste mal eine Fähre, wie groß die war, und auch das erste mal das Meer. Wir standen alle an Deck, es war windig und kalt aber die Luft war so herrlich klar. Ich schloss die Augen um mich auf das atmen komplett zu konzentrieren. Es war das einzig herrliche an diesem Kuraufenthalt, diese Luft.

Als ich das Seehospiz betrat roch es nach Fenchel Tee und Wachsmalkreide, ein Geruch der mich an meine Kindergartenzeit erinnerte. Wir gingen durch den Garderobenraum, wo einzelne Bilder die dazugehörigen bestimmten. Noch beim reingehen, bekam ich einen Haken mit einen kleinen Pflänzchen als Bild zugeteilt. Drinnen waren alle im Ess- und Aufenthaltsraum am basteln, malen und bauen. Die ersten eindrücke waren keine schlechten, muss ich jetzt reflektierender Weise einräumen. Wir gingen einen langen Flur entlang, das letzte Zimmer links, war für uns Neuzugang. Ich belegte das dritte Bett, ein weißes kühles Metallbett mit einer Nachtkonsole . Wir waren sieben Kinder auf dem Zimmer.

Meine Bettnachbarin, ein kleines leicht übergewichtiges Mädchen mit Sommersprossen und einen Stoppelhaarschnitt, hieß Katrin. Wir schlossen sofort Freundschaft. „magst du dir mein Buch ansehen?“ fragte sie. Pitje Puck auf hoher See, schon komisch woran man sich nach fast 32 Jahren noch alles erinnern kann.

Eine Schwester holte mich ab, und brachte mich ins Untersuchungszimmer. Nach dem wiegen, und messen, sollte ich auf einen Sessel platz nehmen. Der Arzt, ein schmächtiger alter Mann, mit kalten grauen Augen, stellte ein silbernes Tablett neben mir. Wattetupfer, und in meiner Wahrnehmung, eine gigantische Spritze lagen dort drauf. Ich schaute unentwegt diese an, als der Arzt die Aufforderung gab, ich solle meine Arm frei machen. Starr auf die Spritze blickend, schüttelte ich den Kopf. Die Tränen schossen mir in die Augen. Mein Kinn bibberte, und ich brachte ein leises kaum wahrzunehmendes „nein“ heraus. Der Arzt blickte appellieren, nickend die Schwester an. Diese versuchte meinen Arm frei zu legen. Ich arbeite dagegen indem ich den Ärmel immer wieder runter zog. „nein“ brach es aus mir heraus. Dann holte die Schwester zwei Betreuerinnen. Beide fixierten mich, eine hielt meine Beine fest, womit ich versuchte mich aus der Situation zu kämpfen, die andere drückte den Oberkörper in den Sessel. Und fixierte meinen rechten Arm. Ich bäumte mich immer wieder auf. Mit knallrotem Kopf, und leise wimmernd. Schafften sie dann doch mir Blut ab zu nehmen. Mir wurde schwarz vor den Augen. Niemand da der mir Zuspruch gab, niemand der mich tröstete. Das sollte der Anfang werden zu den vorerst schlimmsten vier Monaten meines Lebens.

„Der Mond ist aufgegangen, die goldenen Sternlein prangen. Am Himmel hell und klar“ so stimmten wir uns auf den Donnerstag Abend ein. Erst heute begreife ich warum wir Donnerstags Abends im Flur Kinderlieder singen mussten. Rechts und links vom Flur wurden Bänke aufgestellt. Alle Kinder, in ihren Schlafanzügen mussten singen. Nach und nach wurde eines der Kinder ins Arztzimmer gerufen. „na los du bist dran“ sagte die Schwester zu mir, und streckte mir ihre Hand entgegen. Sie schob mich in das Zimmer, dort stand ein Schreibtisch mit einen Sessel davor. Eine andere Schwester wartete schon auf uns. „Du darfst jetzt für 5 Minuten mit zu haus telefonieren“ ich freute mich, mehr wie auf Weihnachten, auf diesen Moment. Denn mittlerweile sind schon zwei Wochen vergangen. . Ich hörte das lange tuten der freien Leitung, sie hielt mir den Hörer hin. Ich wollte nach den Hörer greifen, sie zog ihn weg. „es gibt allerdings Regeln“ sagte sie streng „solltest du erzählen das du nach hause möchtest werden wir das Gespräch sofort beenden, genauso wenn du anfangen solltest zu weinen.“Ich nickte und schaute den Hörer voller Erwartung an. „erzähl doch einfach wie schön es hier ist, das wir schon am Strand waren, und das es dir hier sehr gut gefällt. Im Hintergrund hörte man die Kinder im Flur mittlerweile „weißt du wieviel Sternlein steh-he-hen…“ singen. Ich werde nicht weinen, ich werde jeden Moment genießen wenn ich die Stimme höre. Ich werde nicht weinen! Nahm ich mir vor. Sie wählte mit der Wählscheibe die Nummer, und übergab mir den Hörer. Es tutete und am anderen Ende nahm jemand ab. „ja Hallo?“ die Stimme einer alten Frau war zu hören. Meine Oma. Sofort verlor ich den Boden unter mir, egal wie sehr ich mich anstrengte, ich konnte die Riesenwelle der Tränen nicht zurück halten. „Oma ich bin es“ brachte ich noch raus, mit zitternder Stimme. Und dann weinte ich, ich schluchzte. Sofort wurde mir der fest umklammerte Telefonhörer entrissen. Die eine Schwester zog mich schimpfend am Oberarm auf den Flur, während die andere das Gespräch weiter führte. Ihr schimpfen prallte komplett an mir ab, und ich weinte als gäbe es keinen morgen mehr. Ich bekam zwei Wochen Telefonverbot.

„Ich möchte nach hause“ flüsterte ich mit weinerlicher Stimme, als Katrin mich nachts fragte warum ich so traurig sei. Sie setzte sich auf mein Bett, und schlug mir vor aus ihrem Buch vorzulesen. Während ich mir die Tränen aus dem Gesicht wischte las sie flüsternd die ersten Zeilen, leicht stockend, wie halt achtjährige Kinder lesen. Solche Nächte gab es öfters, mal tröstete Katrin mich mal tröstete ich sie.

Die Post und Paket Übergaben lief folgend ab. Karten und Briefe wurden nach dem Mittagessen im Aufenthaltsraum verteilt. Die Briefe wurden schon vorher geöffnet und der geschriebene Inhalt kontrolliert. Ich möchte nicht wissen, wie viele Briefe mir vorenthalten wurden. Pakete gab es im Nebenraum. Nach und nach wurden die Kinder die solche erhalten haben in diesen Raum gerufen. Auch ich bekam jede zweite Woche ein Paket, bestückt mit Yps- und Bussibär heften und einiges an Süßigkeiten. „oh das ist ja eine Menge Süßes“ sagte die Betreuerin zu mir als wir vor dem geöffnetem Paket standen. „hier läuft das so, das Süßigkeiten abgegeben werden müssen und mit allen Kindern geteilt werden. Nach der Spielstunde darf sich jedes Kind davon nehmen.“. Ich schaute sie großen Augen an „aber das sind meine Süßigkeiten. Die haben meine Oma und meine Mama doch für mich gekauft“. Die Betreuerin schloss den Deckel vom Paket. Holte tief Luft und entgegnete mir mit belehrender Stimme „wie du willst, dann müssen wir die einbehalten. Und niemand bekommt was davon, auch du nicht.“ Ich stimmte also dem verteilen zu.

Nur mit Hemd und Schlüpfen bekleidet scheuchte uns die Schwester in die Kälte. Wir sollten jeden morgen zehn Runden um den vorm Haus befundenen Spielplatz und Minigolf Anlage laufen. Das solle zur Abhärtung des Immunsystem dienen. Wie ich diese Tortur gehasst hab. Eines Tages stürzte Natalie, ein Mädchen mit braunen langen Haaren, welche mit uns auf einem Zimmer lag. Sie stürzte so schlimm auf die Metallschienen-Abgrenzung der Minigolf Anlage, dass sie sofort ins Krankenhaus musste. Auf Tage langen nachfragen, wann Natalie wieder kommt. Vertraute uns die Nachtschwester an das Natalie nach Hause durfte. Und sie nicht mehr wieder zurück kommt.

Katrin und ich heckten abends heimlich Pläne aus - wie wir, mittlerweile drei Monate dort, endlich nach Haus kommen könnten. Eigentlich wollten wir nachts uns aus dem Fenster stehlen, dann Richtung Hafen laufen und mit der Fähre als blinder Passagier ans Festland kommen. „ich werde mir einfach eine Augenbinde um den Kopf binden.“ Schlug ich vor. Katrin sah mich verdutzt an und flüsterte: „warum denn das!?“ ich erwiderte, „damit die nicht merken das ich gar nicht blind bin“.Katrin musste lachen, und klärte mich auf das es nur so genannt wird wenn jemand ohne Ticket mit fährt und das es nichts mit blind sein zu tun hat. „ok ich kann mir ja trotzdem ein Tuch mit nehmen, sicher ist sicher“.

Toilettengänge war für mich ein graus. Alle Kinder mussten sich nachmittags in einer Reihe aufstellen, und nach Zeitplan ihr Geschäft verrichten. Dabei musste die Tür geöffnet bleiben. Mit großen Augen blickte ich die Betreuung an, während ich mich aufs Klo hockte. Diese saß auf einen Stuhl vor mir, mit Stift und Zettel. Um das erledigte Geschäft im Anschluss zu begutachten und aufzuschreiben. Noch heute hab ich Probleme fremde Klo’s zu benutzen.

Badetage liefen ähnlich ab, splitternackt standen wir in einer Schlange vor der einzigen Badewanne in diesem Haus, zwei Schwestern standen davor. Eine hob uns nacheinander rein, dann wurde fünf Minuten im stehen geschrubbt mit Bürste und Seife. Das ganze war reine Massenabfertigung.

Ich startete einen erneuten Versuch, meiner Familie mitzuteilen, wie sehr ich nach hause möchte. Wie schrecklich dort alles war. Niemand der uns tröstete, niemand zu den man einen Bezug aufbauen konnte. Ich schrieb eine Brief. Mit all den Worten des Heimwehs, mit all den Missständen die dort herrschten, bat sie mich sofort dort abzuholen. Ich klebte diesen Brief zu und gab ihn der Schwester zum absenden. - - -

„Kommst du mal bitte mit?“ kam ein paar Stunden später, eine andere Schwester zu mir. „Wir müssen mal mit dir reden“. Ich folgte ihr, und sie bat mich in eine Raum wo schon eine weitere Schwester an einem Tisch saß. „setz dich!“ forderte sie mich kühl auf. Ich blickte auf den Tisch, auf welchem mein geöffneter Brief lag. „So jetzt nimm bitte diesen Brief und les ihn uns mal vor“. Ich schämte mich für die Zeilen, die meinen Hilferuf nach Haus beschrieben. Ich schaute auf den vor mir liegenden Brief mit gesenkten Kopf und blieb still.

„Du sollst das lesen!“ ermahnte mich die Schwester noch einmal. Ich fing stotternd an, die ersten Zeilen meines Briefes zu lesen. Bis zur Hälfte kam ich gar nicht, da nahm die eine Schwester mir den Brief weg. „Kannst du mir mal sagen, was das soll?“ fragte sie mit strenger Stimme.

„… ich… ich…“. Stotterte ich; noch immer den Blick nach unten geneigt. Dann schossen mir die Tränen in die Augen. „Ich möchte nach Hause zu meiner Oma oder meiner Mama!“ fügte ich weinend hinzu. „Was meinst du was deine Oma oder deine Mama sich für sorgen machen, wenn sie diesen Brief lesen würden? Möchtest du das etwa?“ schaute sie mich streng an. Ich sagte nichts.

„Möchtest du du das etwa?!!“ fragte sie erneut lauter. Ich schüttelte den Kopf, mit meinen zusammen gepressten Lippen und den Tränen in den Augen. „So, meine Liebe, weißt du was wir jetzt machen werden? Du wirst diesen Brief nochmal neu schreiben; vor uns“. Ich erinnere mich noch sehr gut daran, dass ich „Liebe liebe liebe liebe liebe Oma und liebe liebe liebe liebe Mama“ als Anrede geschrieben hab. In der Hoffnung, daß beide eine versteckte Botschaft in den vielen „liebe“erkennen würden. Der Rest vom Brief wurde mir diktiert. Und ich durfte wieder gehen.

Irgendwann, es war bereits der vierte Monat auf Norderney, waren wir gerade mit unserer Gruppe an einem Teich spazieren, und ich brachte Katrin die zweite Strophe von dem Lied „guten abend, gute Nacht“ bei- sie fand das Lied so schön. Mir gefiel in der zweiten Strophe besonders das Wort „Traumparadies“.

Da kam auf einmal meine Betreuung zu mir, eine der wenigen wo ich ganz gut mit aus kam. Sie sagte leise grinsend zu mir „ich weiß was, ich weiß was“. Bei der Frage was sie denn wissen würde, sagte sie: „du musst mir versprechen, das du mit niemanden darüber sprichst.“, ich nickte voller Spannung. Sie kam nah an mein Ohr und flüsterte : „morgen darfst du nach hause. Deine Familie wird dich von hier abholen“.Die Worte waren wie ein Wunder für mich. Ich platzte voller Freude. Ich dachte nur, endlich ist es vorbei! Endlich!

Natürlich hielt ich dieses versprechen nicht lange aus für mich zu behalten. Schon ein wenig später lief ich protzend durch den Flur und fragte unnötige Dinge wie: „möchtest du meine Hefte haben? Ich brauche die nicht mehr, bin ja morgen schon zu hause.“ Oder Sachen wie : „möchtest du in meinen Bett schlafen, da hat man eine bessere Sicht aus dem Fenster, denn ich schlafe morgen ja in meinem Bett zu Hause!“

Ich war der reinste Zappelphillip, bis ich abgeholt wurde. Und ich vor Glück die ganzen Lieder im Auto auf dem Rückweg sang, welche ich während meines Aufenthaltes gelernt hatte. Dieses Auto, vorne saß mein lachender Opa mit meiner Oma und neben mir meine schmunzelnde Mutter. Dieses Auto war so mit Freude und purem Glück gefüllt, das alle die an uns vorbeigefahren sind, es spüren hätten müssen.

Auch wenn ich nicht mehr allzu lange was von diesem Glück hatte, bleibt dieser Moment mir ewig erhalten.

5.2.16 15:01, kommentieren

Lebenslicht entdeckt den Schatten

Ich werde nie vergessen wie gut warmer Kakao schmeckt. Ich sitze am Tisch in der Küche, meine Beine am pendeln, die Hausschuh sind innen gefüttert mit weichem Fell. Trage ein Frottee Schlafanzug, und beiße in ein extra für mich mundgerecht geschnittenes Quark-marmeladen Brot. Vor mir stand eine 57 jährige Frau, im blauen Kittel. Meine Oma. Erst beim schreiben dieser Zeilen bemerke ich wie wunderbar heile diese Zeit war

.„Oma? Wird das immer so bleiben?“ fragte ich mit vollem Mund. Meine Oma lächelte: „Steffi, du weißt doch…“ und dann begann sie leise zu singen „wir gehören zusammen wie der Wind und das Meer, mich von dir zu trennen, ja, das fällt mir so schwer..“. Erst heute weiß ich, dass dieses Lied von Heidi Brühl war. Damals, war es Omas Lied.

Wir gingen ins Bad, wo sie schon alles zurecht gelegt hatte. Die Sachen gebügelt, und ordentlich auf der Ablage neben dem Waschbecken. Selbst das Waschbecken war mit lauwarmen Wasser gefüllt, sie wusch mir das Gesicht. Ich verkrampft, und zog Grimassen beim Augen zugreifen. Noch schnell Zähne geputzt, angezogen. Schultasche auf dem Rücken geschnallt und schon stand ich vor der Tür. Gemeinsam beteten wir für den Schulweg bevor ich das Haus verlassen hab. Jeder Tag lief gleich ab.

Heute weiß ich, dass diese Grundlage mir so viel Kraft gegeben hat, von der ich auch heute noch zerren darf. Rituale sind so verdammt wichtig für Kinder.

Meine Mutter war zu der Zeit schon mit meinem Stiefvater zusammen, beide hatten eine kleine Wohnung zwei Straßen weiter. Ich wuchs die ersten 8 Jahre meines Lebens bei meinen Großeltern auf. Es war eine herrliche Zeit.

Eine Zeit wo es gang und gebe war, vom spielen in der Siedlung, nach Hause gerufen zu werden. Meine Oma oder auch mein Opa stellten sich in den Garten und riefen meine Namen laut mit dem Zusatz das es Abendbrot gibt. Die 80er, aus allen Richtungen wurden die Kinder, so nach Hause gerufen.

Wochenende gab es noch das Kinder Programm mit Rappelkiste, Pusteblume und neues aus Uhlenbusch. Ja, herrliche heile Welt der 80er.

Ich litt unter Atemnot seit ich 6 Jahre alt war, aufgrund dessen entschied mein Hausarzt damals das ich irgendwann eine Kur machen sollte. Ich besuchte bereits die zweite Klasse als ich einen Termin für eine Kur auf Norderney bekam.

Meine Mutter war gerade hochschwanger von meinem Stiefvater, als ich weg kam.

Ich erinnere mich noch genau an diesen Tag. Irgendwas war mit ihrer Schwangerschaft nicht in Ordnung, sie hatte starke Schmerzen. Und tauchte den morgen meiner Abreise bei meinen Großeltern auf, war am weinen wegen den Schmerzen. Meine Oma brachte mich mit einem Bekannten zu einen Bahnhof der weiter weg war. Mein Opa blieb bei meiner Mutter.

Am Bahnhof wurde ich von einer Zugbegleiterin in Empfang genommen. Ich wollte mich gar nicht lösen, aus den Armen meiner Oma. Noch heute hab ich ihren Duft nach köllnisch Wasser in der Nase. Es war ein schwieriger Abschied, ich saß nun in dem Zug mit noch einigen anderen Kindern. Die Begleiterin schien sehr distanziert, niemand den ich kannte. Ich hatte Angst, wusste nicht was auf mich zu kam.

Dieser Kuraufenthalt ist eine Geschichte für sich.

Ich war vier Monate auf Norderney.

Vier Monate ohne eine Bezugsperson, wusste nicht wann ich nach hause durfte. Einmal im Monat bekam ich für eine Stunde Besuch. Die für mich einfach zu schnell vorbei hing.

Als ich wieder zurück war, begann die heile Welt langsam zerstört zu werden.

Meine Mutter verlor ihr ungeborenes Kind, ich glaube es wäre ein Stiefbruder geworden. Über diesen Verlust entschied sie mich von heute auf morgen, mich zu sich zu nehmen.

Es gab einen riesen Streit, meine Oma die mich umklammerte, mein Opa der laut mit meiner Mutter sprach. Meine Mutter die mich am Arm zerrte und dieses um sich strampelnde Mädchen zu ihren Mann auf den Arm übergab. „Hör endlich auf zu jaulen!!!!!“ schrie dieser mich an mit seiner gewaltigen Stimme „Sonst siehst du deine Oma nie wieder!“. Ich wimmerte vor mich hin. Heulte mich Wochenlang in den Schlaf, in meinem neuen Zimmer. Stand allein auf, um mich schulfertig zu machen. Schmierte mir mein Brot. Zog irgendwelche Sachen an, die gerade rum lagen. Und machte mich auf den Weg.

Ich bekam zwei Jahre Großeltern Verbot. Meine Oma, besuchte mich heimlich in der Schule. Meist weinte sie, ich wollte nicht das sie weinte. Und spielte das tapfere Mädchen, indem ihr beteuerte wie gut es mir ging.

Dem war nicht so, tagtäglich schrie er mich an, stellte Regeln auf die keinen Sinn ergaben. Schlug mich. Und am Esstisch bekam ich jedes Mal seinen Hass zu spüren. Wie ein wahnsinniger stierte er mich beim essen an, vor Wut unterlaufende Augen beobachteten mich, während ich langsam demütig mit gesenkten Kopf das Essen zu mir nahm. Er mampfte und schnaufte beim essen, ohne auch nur einmal mich aus den Augen zu verlieren. Ließ ich etwas zurück auf den Teller fallen, oder hab ich etwas zu lange gekaut bekam ich mit voller Wucht eine eine Ohrfeige. Fing ich an zu weinen, weil es schmerzte bekam ich noch eine. So war es tagtäglich.

„Sag mal, macht der Onkel Herbert Dinge mit dir, die du nicht möchtest?“ fragte mich eines Tages mein Patenonkel. Ich schüttelte den Kopf, in mir schrie eine Stimme FRAG DOCH BITTE WEITER, ER IST ES NICHT SONDERN… aber ich senkte den Kopf und murmelte: „nein, er ist ganz nett zu mir“. „Steffi, ich habe dich anders in Erinnerung. Du warst ein so fröhliches Mädchen, so offen für die Welt. Und in der letzten Zeit bist du so still und scheu. Da mache ich mir Gedanken.“ Innerlich schrie ich weiter LOS FRAG DOCH ENDLICH NACH DEN RICHTIGEN. Aber er fragte nicht weiter.

Ich werde nie den Tag vergessen, ich muss 12 gewesen sein. Ich stand im Badezimmer um duschen zu gehen. Zog mich also aus, betrachtete mich nochmal im Spiegel um die ersten Anzeichen der Pubertät zu begutachten. Stieg in die Dusche und ließ das Wasser an. Eigentlich war alles wie immer, bis sich auf einmal die Tür öffnete. Mein Stiefvater. „Eigentlich wollte ich jetzt duschen!“ sagte er mit bestimmenden Ton. Ich versuchte mich, mit Herzklopfen aus Angst, sofort zu rechtfertigen. „okay, ich beeile mich dann“ - - - – es fällt mir gerade wirklich schwer zu schreiben - - - - Mit versöhnter Stimme schnaufte er „ach du brauchst dich nicht zu beeilen, ich komme jetzt mit drunter“ er war schon dabei sich auszuziehen. Ich war erstarrt, brachte kein Wort heraus. Als er mit unter sie Dusche kam, meinte er verärgert: „ich glaube du hast dich nicht richtig gewaschen, dann muss ich das wohl jetzt machen!“ er nahm das Duschgel und reibte mich damit ein, knetete es förmlich ein, überall an meinen Körper. Bis er letztendlich nur noch meinen Genitalbereich anfasste, und berührte. An all das kann ich mich noch erinnern, wie ich das lauwarme Wasser im Nacken hatte die Augen Schloss, und Ekel und Angst empfunden hab. Nur ich weiß nicht mehr, ob er als erster die Dusche verließ oder ich.

Danach wurde es Alltag, das mein Stiefvater, wenn meine Mutter nicht da war, mich anfasst und mir seine Zunge in meinem Hals stopfte. Ich bekam nur noch Hass und Ekel, und hatte unwahrscheinliche Angst vor ihm. Nachts schlich er sich zu mir ins Zimmer, und beobachtete mich oder legte sich direkt zu mir ins Bett.

„Wenn du das Mama erzählst passiert was ganz schlimmes, und du möchtest doch nicht das was schlimmes passiert?“ ich schüttelte den Kopf „gutes Mädchen.“

Ich hab mir an der Innenseite meiner Tür ein leeres DIN A2 Blatt geklebt, nur ich wusste die Bedeutung. Mit dem Versprechen, bei jedem Vorfall mit ihm einen Strich dran zu malen. „wenn dieser Zettel voll ist, beende ich mein Leben.“ Nahm ich mir vor. Irgendwann war dieser Zettel voll, und ich klebte eine zweiten darunter, und tat nichts.

Dann kam der Tag in dem ich mir meine Würde wieder erkämpfte. Wer kennt sie nicht, die Zeitung die uns alle in der Jugend begleitet hat. Ja wohl, die Bravo! Dieser Zeitschrift verdanke ich das ich aus dem ganzen Martyrium entfliehen konnte.

Unter der Rubrik „Liebe Sex und Zärtlichkeit“ tauchte ein Bericht von einem Mädchen auf das in einer ganz ähnlichen Situation wie ich steckte. Es bekam den Rat sich laut zu wehren und ihren Peiniger anzuschreien um sich so aus der Situation zu retten. Zudem sich trotz allen Drohungen jemanden anzuvertrauen.

Mein Vater lag im Wohnzimmer, meine Mutter war mal wieder nicht da. Er schrie nach mir, wollte irgendwas banales um einen Vorwand zu haben, das ich komme. Als er nun da lag, und mit den Worten „komm mal zu mir“ versuchte mich wieder anzufassen gehorchte ich. Wie immer emotionslos stand ich still vor ihm, „leg dich zu mir!“ ich blieb stehen. Mit pochenden Herzen, widersetzte ich mich seiner Aufforderung. Er schaute mich an ernst an „hast du deinen Papa denn nicht lieb?“.

Jetzt war ich da, ich stand vor ihm und fasste all meinen Mut zusammen. Jetzt, jetzt musst du ausbrechen, schrie die Stimme in mir, lauter als je zuvor.

Ich stand vor ihm schlug seine entgegen gestreckte Hand weg und schrie: „Du bist nicht mein Vater! Und du wirst mich nie wieder anfassen!!!!! Das machen Väter nicht!!!“. Ich drehte mich um und suchte den Weg aus dem Wohnzimmer, mein Puls schlug mir bis in den Hals. Wird er mich bremsen? Wird er mich schlagen? Wird er mich zwingen? Ohne mich nochmal umzusehen, schrie ich weiter: „so etwas ist verboten!!!! Nie wieder wirst du das tun!!! Hörst du! Nie wieder!!!“ Ich erreichte die Tür, sah ihn nochmal flüchtig an in seine erschrockenen Augen, und sein vor Sprachlosigkeit geöffneten Mund. Und ging in mein Zimmer.

Als meine Mutter nach hause kam, erzählte ich ihr alles. Ich weinte und versuchte durch das wirr warr was nun an Worten aus mir heraus brach einen Leitfaden zu geben. Ich schlief erstmal bei einer Freundin, sie wollte allein mit ihm sprechen.

Nun fragt sich jeder, was machte die Mutter? Als ich zwei Wochen später wieder zu haus war, war er noch da. Es wurde tot geschwiegen. Ich sprach sie nochmal an. Sie meinte er hat gesagt das, dass alles nicht stimmen würde. Ich glaube in dem Moment zerbrach unsere Bindung.

Ich wusste nur eines, das ich es besser machen werde. Wenn ich Mutter sein werde wird sich nichts zwischen mir und meinem Kind stellen können. Mittlerweile ist er verstorben, lebte bis zum Schluss mit meiner Mutter zusammen.

Erst heute können wir an unserer Beziehung arbeiten. Sie hat einiges eingesehen und ihr Verhalten sehr bereut.

Und ich lernte ihre Fehler aus der Vergangenheit, für eine neue Zukunft, zu verzeihen.

4.2.16 23:05, kommentieren

Lebenslicht der Schattenspiele

Ich möchte euch von Facetten meines Lebens berichten. Vom tragen des Schicksals, und von der Kraft die man gewinnt.

"Mutti schreib einen Blog" sagte meine Tochter zu mir, auf mein verdutztes Gesicht antwortet sie nur mit "Das von dir erlebte kann sicher auch anderen helfen".

So und nun befinde ich mich hier mit den ersten Zeilen meines Lebens und hoffe ich erwecke bei euch Lesern Aufmerksamkeit, Empathie und Hoffnung.

Ich fange an in den schönen 90er Jahren, die noch keine Lebensrichtung in sich trugen, Deutschland wieder vereint und Euro-Pop Songs belegten die Charts.In einem Jugendcamp lernte ich ihn 1988 kennen, damals war ich 12 Jahre alt, er bereits schon 13. Auf unzähligen Geburtstagsfeiern trafen wir uns wieder. Und so legte ich mich fest, er soll es sein. Braune Haare, grün braune Augen und eine unwahrscheinliche Ähnlichkeit mit den damaligen Schauspieler aus Karate Kid.

Ich komme aus einem Elternhaus in dem nicht alles stimmte, wie so viele Eltern in den 80/90er gab es die schöne Seite nach aussen, und die ganz andere Welt hinter den Kulissen.

Mein Stiefvater hasste mich, Schläge, Strafen und sogar Missbrauch waren mein Alltag. Meine Mutter konnte sich bei ihm nicht durchsetzen, also war ich, (ein kleines zierliches stilles Mädchen mit großen braunen Augen und braune Haaren) der tagtägliche Sündenbock, um Aggressionen abzubauen.

"Mich machst du nicht kaputt" war mein tägliches Credo "sobald ich kann bin ich weg".

Ich glaube aus der heutigen Sichtweise, dass ich deswegen Andrė (so hieß dieser Junge) zum Helden auserkoren hab. Mädchen in diesem Alter suchen ja regelrecht, nach den Ritter der sie aus der Drachenhöhle befreit.

Gesundheitlich war ich auch sehr angeschlagen, bei mir stellte man eine Erkrankung mit 16 fest die mir noch zwei Jahre maximal zum Leben haben. Es war ein Gendefekt was sich später herausstellte. Nun folgten 2 Jahre Uniklinik Aufenthalte. Mit Ende meines 17. Lebensjahres erfolgte eine Amputation des linken Lungenflügels. Danach ging es mir zunehmend besser.

Noch immer beobachtete ich das Leben des mitlerweile jungen Mannes mit Herzklopfen.Das kleine schüchterne Mädchen, was eher am Rande wahrzunehmen war, versuchte nun ihrer Zukunft den Weg zu bereiten.

Längst war es kein Geheimnis mehr das ich starke Gefühle für ihn hatte. Mir jedes Mal das Herz blutete wenn er schon mal wieder eine neue Freundin hatte.

Als ich das Krankenhaus hinter mir lassen konnte, und wir endlich zueinander gefunden haben, bin ich recht schnell schwanger geworden. Erst war es für uns beide eine Situation der wir uns nicht stellen konnten, er beendete unsere Beziehung.

Dann öffneten sich für mich neue Türen, ich bekam eine eigene Wohnung und konnte mich, nach durchweinten Nächten voller Zukunftsangst, auf mein ungeborenenes Baby einstellen.

Als ich kurz vor der Geburt stand, kam er mit Blumen und auf Knien zu mir, um für uns da zu sein. Er änderte sich, trug Verantwortung und ging Wege die eine Grundlage schafften für unsere kleine Familie. Als ich wenig später auch eine Ausbildung beginnen konnte schien unser geplanter Weg ins Glück zu führen.

Manches Mal erwischte ich mich mit Herzrasen am Fenster, wenn er mit dem Auto vorfuhr als er von der Arbeit kam. Ich hätte niemals diese heile Welt eintauschen wollen. Alles war perfekt. Unser Glück hielt sieben Jahre an, dann folgten Jahre , die mein lächeln beim schreiben verdüstern lassen.

Er war nicht der Typ mit einem großen Freundeskreis, hatte meist ein oder zwei Kumpel um sich. Er fing an mit einer Familie Kontakt auszubauen, die uns beiden absolut nicht gut tat. Für mich war es vom Bauchgefühl, ein falscher Weg. Ständig wilde Partys, Leute die keinen Leitfaden im Leben hatten. Noch heute werfe ich mir vor, gegen diesen Kontakt nicht stärker gewettert zu haben.Ich mied diese Leute. Unsere Tochter sollte in geordneten Verhältnissen groß werden.

Die Zeit die er dort verbrachte wurde immer mehr und mehr. Schon längst hatten wir tägliche Debatten darüber.

Nach einiger Zeit kam er mal nachmittags total wirr nach hause, nach einen einstündigen Besuch dort. Ich wusste nicht was mit ihm war, es kamen Sätze von ihm die keinen Sinn ergaben.

Als ich diese hinterfragte wurde er sogar zornig, weil für ihn ein Satz wie : ich muss nach Pio an den Computer, weil sonst die Panelen krum werden, das hat der Arzt auch bestätigt." es gab weder einen Pio noch war irgendwas mit Panelen geplant, und das mit dem Arzt ist auch aus so einer Fantasie Welt.

Ergo Griff ich zum Hörer und rief den "Freund" an, fragte: "was habt ihr mit ihm gemacht, er war nur eine Stunde bei euch und ist komplett neben der Spur!" Es kam sowas wie, "Er hat nur ein Bier hier getrunken. Können wir uns auch nicht erklären ...".

Was folgte waren: wirre Abende, wirre Tage usw. ich wusste nicht was ich noch machen sollte. Ich wusste hier ist was faul, konnte aber es mir nicht erklären.

Zwei Wochen später machte ich Grossputz in unserer Wohnung. Als ich die Schränke ab putzte fielen mir Medikamente in die Hände. Ich nahm sie verwundert, und legte sie in den Medikamenten Schrank. Dann fing ich an das Sofa ab zu rücken um zu wischen. Auch hier fand ich leere Tablettenverpackungen. Als ich später die Betten bezog, und auch zwischen Matratze und Lattenrost geklemmt Tablettenverpackungen fand, läuteten bei mir Alarmglocken. Natürlich spielte er es runter als ich ihn ansprach. Aber bei den Tabletten handelte es sich um Diazepan und andere Schmerzstiller, sowie Muskelrelaxent Tabletten. Ich fand auch Tropfen wie Tramal und Tilidin Fläschchenweise.

Andrė hatte im Sommer zuvor einen Autounfall gehabt, der zweite in seinen Leben. Beim ersten wurde ihm eine Platte in den Nacken geschraubt, sonst wäre er Querschnittsgelähmt gewesen. Der zweite Unfall war allerdings nicht so schlimm gewesen. Dennoch erfuhren wir viel später die Hintergründe seiner Abhängigkeit, eine Schraube hatte sich auf sein zentrales Nervensystem gedrückt, daher hatte er von Zeit zu Zeit starke Schmerzen.

Sein sogenannter Freund litt seit einiger Zeit an einem Hüftschaden, dieser bekam starke Schmerzmittel verschrieben. Da erübrigte sich die Frage wie er an diese Hammer Medikamente dran kam. Wer jetzt eins und eins zusammen zählen kann weiß nun warum er immer dort war. Der Freund machte Partys mit seinen Medis, nachgespült wurde mit Alkohol. Ein gemeinsamer Freund, der einmal auch mit dort war, vertraute mir diesen Medikamentenmissbrauch Jahre später mal an.

Auf zwei Jahre Hölle blickte ich nun zurück, mit einen Zombie als Partner. Es ging immer mehr bergab mit ihm, ich vertraute mich niemanden an, aus Angst das die Leute anfangen zu reden, ging meiner Arbeit nach, versuchte durch massig Stunden, uns drei über Wasser zu halten. Wenn ich nach hause kam, vorher noch unsere Tochter von der Betreuung abholte, schwebte er schon im Delirium. War kaum ansprechbar und hatte irgendwo wieder ein neues brandloch von seiner Zigarette hin gebrannt.Ich weinte mich nachts in den Schlaf, stand den ganzen Tag unter Strom.

Jeden Tag rief er mich auf meiner Arbeitsstelle an, mit den Worten: "Schatz ich glaube ich sterbe, komm schnell nach hause".

Dann kam ein Tag der alles vorerst verändern sollte.Meine Familie, Tanten und Onkel bekamen von der katastrophalen Situation mitlerweile genug mit. Und heckten einen unbedachten teuflischen Plan aus.

Man lockte mich von zu hause weg, während Andrė und unsere Tochter damals 8 Jahre in der Wohnung auf mich warteten. Als mein Onkel mich ins Gebet nahm, meine Beziehung zu überdenken, suchte meine Tante Andrė in der Wohnung auf. Wenig später kam sie mit breitem grinsen zu meinen Onkel und meinte sie hätte nun mal Dampf raus gelassen bei ihm.

Ich war ausser mir, und lief in Tränen aufgelöst nach ner Nachbarin von mir. Wenig später schellte es dort.

Mein Onkel bat mich um den Schlüssel zu meiner Wohnung, da meine Tochter ihren Papa nicht mehr wach bekam, der lag bewusstlos auf der Toilette.Sie suchte Hilfe und lief zu meinen Onkel die Straße rauf. Selbst beim schreiben, blicke ich auf dieses kleine Mädchen und hätte sie vor einer solchen Erfahrung bewahren wollen. Ich lief auf Socken, schluchzend zu mir nach Haus, meine Beine merkte ich nicht mehr. Ich traf mit dem Notarzt ein, dieser lief vor mir die Treppe hoch. Und da lag er dann, auf den Flur gezogen von den Rettungsdienst und schon grau im Gesicht. Nie hab ich bis dahin heller geschrien, nie hab ich bis dahin lauter geschrien. Ich wurde ins Wohnzimmer geschoben. Sollte mich beruhigen. Er war tot! Ich hörte noch wie man ihn mit Herzmassage und Blasebalg zurück ins Leben holte.

Man nahm ihn mit, die Nacht blieb ich an seinem Bett. Da es kritisch um ihn stand. Man erzählte mir das er sich mitlerweile spritzte mit Morphin, und das es eine Überdosis war. Er überlebte es.

„Übermorgen können Sie ihn nach hause mitnehmen" sagte der Stationsarzt. Und dann - was ist dann? Muss ich dann jeden Tag angst haben ihn leblos in der Wohnung zu finden. Ich telefonierte Nachts mit der Seelsorge, denn genau dafür sind die da.

Die Dame am Telefon empfahl mir vom Arzt eine Bescheinigung zu verlangen welche beinhaltet das er physisch, sowie auch psychisch gesund ist" . Denn nach einen Suizidversuch muss er in eine, dafür spezifischen, Behandlung.

So kam es, dass der Arzt ihn in die Psychiatrie eingewiesen hat. Ich konnte erstmal aufatmen, dort kümmerte man sich 24h um ihn. Ich besuchte in jeden Tag, behandelt wurde nun seine Medikamentenabhängigkeit, nach einem Monat konnte man schon richtige Gespräche mit ihm führen.

Ich gewann erneut Hoffnung auf das Leben was wir einst führten.

Im Anschluss kam er zur Entwöhnung, welche er aber abgebrochen hatte. Als er wieder zu hause war, schien alles wie früher zu sein. Ich hatte einen neuen Job und am Wochenende unternahmen wir gemeinsam als Familie etwas.

Es waren genau drei Wochen, in der uns dieses Glück aus der Vergangenheit besuchte. Dann erneut ein Rückfall bei ihm, ich musste handeln. Hatte gar keine Kraft das alles nochmal durch zu machen. Ich schmiss ihn raus, trennte mich schweren Herzens und hoffte auf Gottes Hilfe für ihn.

Unsere Tochter durfte er jederzeit sehen, in meinem Beisein.

Und auch so nahm er sich nun vor, mir ein Leben zu präsentieren was er im Griff hätte.

"Ich habe mich nicht getrennt, weil ich dich nicht Liebe, sondern ich habe mich getrennt weil ich nicht mehr konnte." sagte ich "Lieben - werde ich dich immer".

Das waren meine letzten Worte an ihn, Stunden später nahm er sich das Leben.Ein Jogger fand ihn kurz darauf, erhängt mit einer Hundeleine am Baum.

In dem Wald wo wir immer spazieren gingen, in unserer glücklichsten Zeit.

Andrė verstarb am 11.07.2004. Er wurde nur 28 Jahre alt.

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